Ecoportraits


Umwelt, Gesellschaft und Kultur in Lateinamerika

Ecoportrait: Brasilien

Verfasst von

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Ein Beitrag von Lasse Birger Bohn und Emiliano Garcilazo

Klima- und Grenzkonflikte in Brasilien werden durch Literatur sichtbar: Interview mit Morgana Kretzmann über ihren Roman Água Turva (2024).

Brasilien, die wirtschaftlich mächtigste Nation Südamerikas, befindet sich seit einiger Zeit in einer Nachhaltigkeitskrise, die durch massive Entwaldung und extreme Klimaveränderungen –die sich in Überschwemmungen, Dürren und Tornados äußern– ausgelöst wird und einen starken Druck auf die natürlichen Ressourcen des Landes ausübt. Obwohl diese Situation im In- und Ausland bekannt ist, hat sich die öffentliche und internationale Aufmerksamkeit historisch gesehen auf das Amazonasgebiet konzentriert, wodurch andere Ökosysteme und Probleme des Landes in den Hintergrund gerückt sind. Ein Großteil der ökologischen Zerstörung ist auf das agroindustrielle Modell des Landes zurückzuführen –das sich auf Soja und Viehzucht konzentriert–, doch hinzu kommen der illegale Bergbau und die illegale Abholzung sowie Brände infolge der anhaltenden Dürre.

Vor diesem Hintergrund hat sich die Literatur zu einem äußerst wirkungsvollen Mittel entwickelt, um ökologische Probleme und marginalisierte Lebensrealitäten sichtbar zu machen. Dies gilt auch für den Roman Água turva (2024) von Morgana Kretzmann, dessen Handlung im Staatspark Turvo und an der argentinisch-brasilianischen Grenze am Fluss Uruguay spielt. Dieses Gebiet, das zur Atlantischen Tieflandwaldzone gehört, bildet den letzten ökologischen Korridor des Jaguars in der Region und ist durch Wasserkraftprojekte und den rasanten Verlust seiner Artenvielfalt bedroht. Zudem begünstigt die institutionelle Schwäche im Grenzgebiet die Ausbreitung von Wilderei, illegalem Handel, Gewalt und die Gefährdung der lokalen Gemeinschaften.

Im Folgenden präsentieren wir ein Gespräch mit Morgana Kretzmann, in dem die zentralen Themen ihres Werks, ihre Feldforschung und die von ihr im Staatspark Turvo durchgeführten Untersuchungen zur Dokumentation der Realität sowie die Rolle der Fiktion angesichts der Klimakrise beleuchtet werden:

Interview

Emiliano Garcilazo: Sie sind in Tenente Portela im Landesinneren des Bundesstaates Rio Grande do Sul geboren und leben seit einiger Zeit in São Paulo. Sie haben Umweltmanagement studiert und sich anschließend eine lange Karriere als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin aufgebaut. Was können Sie uns über diesen Schritt vom Landesinneren in die Großstadt erzählen? Hat Ihre Kindheit Ihr Interesse an der Umwelt beeinflusst, sowohl in Ihrem Studium als auch in Ihrem literarischen Werk?

Morgana Kretzmann: Ich wurde in einem kleinen ländlichen Ort namens Barra Grande geboren, der am Ufer des Flusses Uruguay lag und zur Gemeinde Tenente Portela gehörte. […] Was den Einfluss auf die Themen meiner Romane angeht, kann ich mir nicht vorstellen, über eine Megastadt oder eine Großstadt zu schreiben. Ich bin ein Mensch vom Land, der barfuß auf der Erde aufgewachsen ist. Ich habe mit diesen Gemeinschaften gelebt und glaube, dass sie in der brasilianischen Literatur noch nicht ausreichend dargestellt wurden. Es gibt großartige Bücher, wie die von Guimarães Rosa, die das Hinterland des Sertão beschrieben haben, aber andere Orte kommen kaum zur Sprache. Über den Turvo-Nationalpark, diese Grenzregion zwischen Brasilien und Argentinien, ist dies das erste Buch, das geschrieben wurde. Nun ist es uns gelungen, die Rechte für eine Serienadaption zu verkaufen – das ist also eine Möglichkeit, wie die Literatur Umweltprobleme und Orte sichtbar macht, von deren Existenz noch kaum jemand weiß. Außerhalb Brasiliens kennen die Menschen den Amazonas, höchstens noch den Atlantischen Regenwald in der Nähe von Rio de Janeiro, und sie haben keine Ahnung, dass wir im Süden Brasiliens ein riesiges Naturschutzgebiet haben, das zusammen mit Argentinien einen ökologischen Korridor für den Jaguar (Onça-Pintada) bildet und das letzte Revier dieser Raubkatze in unserem Amerika ist. Selbst hier in Brasilien wissen das viele Menschen nicht.

Audio (Portugiesisch)

Emiliano Garcilazo: Würden Sie uns eine kurze Zusammenfassung der Haupthandlung des Romans Água Turva geben?

Morgana Kretzmann: Ich sage gerne, dass das Buch vier Protagonisten hat. Drei starke und mutige Frauen: Chaya, Olga und Preta; und den Turvo-Nationalpark. Der Park ist die große Figur, denn vor allem anderen entstand dieses Buch durch den Turvo-Nationalpark; ohne ihn gäbe es die Geschichte nicht. Água Turva ist ein Buch, das wichtige ökologische, politische und soziale Themen behandelt, die für zwei Grenzgemeinden von Bedeutung sind: eine Gemeinschaft, die in Argentinien lebt, die „Pés Rubros“ [Rote Füße], die ihre Lebensweise und ihr Selbstverständnis nicht verlieren wollen, geschweige denn ihr Territorium; und die Menschen, die in der Stadt Dourado in Brasilien leben, vor allem die Landwirte und all jene, die ihr Territorium ebenfalls nicht verlieren wollen. Beide Orte sind durch den Bau eines überteuerten binationalen Wasserkraftwerks bedroht, das die beiden Regierungen – die brasilianische und die argentinische – verwirklichen möchten.

Audio (Portugiesisch)

Lasse Birger Bohn: Wie sah die Recherchearbeit vor dem Schreiben aus? In der Danksagung am Ende des Textes wird eine sehr umfassende Zusammenarbeit erwähnt, was auf eine grundlegende Feldforschung hindeutet, die notwendig war, um die Lebensrealität in der Region um den Nationalpark so getreu darzustellen.

Morgana Kretzmann: Ich habe vier Jahre gebraucht, um dieses Buch fertigzustellen. […] Die ersten beiden Jahre widmete ich jedoch vollständig der Recherche: der Lektüre wissenschaftlicher Literatur, der Sichtung von Bibliografie und Gesprächen mit Fachleuten, die in Brasilien in Schutzgebieten gearbeitet haben oder derzeit dort arbeiten. Ich wollte aus erster Hand verstehen, welche Schwierigkeiten das Umweltmanagement im Globalen Süden mit sich bringt. […] Da wir wussten, dass es sich um ein Grenzgebiet handelt, das von gewaltsamen Dynamiken geprägt ist – vom Waffen- und Drogenhandel sowie dem Schmuggel anderer Waren, die aus Paraguay und Argentinien über das Schutzgebiet nach Brasilien gelangen, ganz abgesehen von der illegalen Jagd –, warnten uns die Parkwächter vor den Gefahren.

Audio (Portugiesisch)

Emiliano Garcilazo: Wie der Rest der Welt befindet sich auch Brasilien in einer schweren Umweltkrise, die von Abholzung und illegalem Bergbau, der Verschmutzung von Böden, Wasser und Luft sowie dem Schmuggel exotischer Arten geprägt ist – neben vielen weiteren Problemen. Im Roman sind mehrere dieser Probleme präsent und werden zu einer realen Bedrohung für die Figuren. Wie beurteilen Sie die Rolle der Literatur dabei, die Ursachen und Folgen der Umweltkrise sichtbar zu machen?

Ich glaube, dass die Literatur diese Rolle übernehmen kann: Umweltprobleme an Orte, in Länder und in Kulturen zu tragen, in denen sie normalerweise unbekannt sind. Der Roman behandelt ein Umweltproblem, das im Grenzgebiet rund um den Turvo-Nationalpark seit Jahrzehnten besteht, und zwar bereits seit der Zeit der Militärdiktatur. Das Projekt landet in der Schublade irgendeines Präsidenten oder Umweltministers und wird irgendwann wieder hervorgeholt. Zeitweise wurde sogar eine Umweltverträglichkeitsprüfung genehmigt, die zu dem Schluss kam, dass man mit dem Bau des Staudamms beziehungsweise des Wasserkraftwerks fortfahren könne – eines Wasserkraftwerks, das nur eine sehr geringe Menge Energie erzeugen würde. Es würde nicht einmal eine halbe Dutzend Städte in der Umgebung versorgen. Die Menschen wissen nichts davon, sie haben keine Ahnung. […] Daran zeigt sich die Macht der Fiktion, die über die Literatur hinausgeht. Sie ermöglicht es, Leserinnen und Leser durch einen Roman, durch eine erfundene Geschichte, dazu zu bringen, sich mit realen Umweltfragen auseinanderzusetzen. Genau darin liegt meines Erachtens die besondere Rolle der Literatur: Wenn es uns gelingt, Fiktion mit realen Problemen zu verbinden und diese an Orte zu tragen, die wir auf andere Weise niemals erreichen könnten.

Audio (Portugiesisch)

Lasse Birger Bohn: Wie erlebt man die Umweltkrise in Brasilien? Ist sie ein Thema des Alltags? Beobachten Sie Unterschiede zwischen den Großstädten und den ländlichen Gebieten, etwa den Grenzregionen?

Morgana Kretzmann: 2024 erlebten wir hier im Süden Brasiliens schwere Überschwemmungen. Etwa 84 % des Staatsgebiets von Rio Grande do Sul standen unter Wasser oder waren in irgendeiner Weise von dieser Klimakrise betroffen. Es war das erste Mal, dass ich erlebte, wie die große Mehrheit der Menschen endlich begann, ernsthafter über die Klimakrise und die globale Erwärmung zu sprechen. […] Für sie geht die Klimakrise deshalb weit über die finanziellen Schwierigkeiten hinaus: Sie leiden auch unter psychischen Problemen wie Klimapanik und Klimaangst – Begriffe, die wir in Brasilien seit 2024 zunehmend verwenden. […] Unter der Energie- und Wirtschaftskrise, die durch die Klimaprobleme verursacht wird, werden immer die Ärmsten und die Länder mit den geringsten Ressourcen am stärksten leiden. Wir sehen, wie der Globale Süden von den schlimmsten Umweltkatastrophen betroffen ist und gleichzeitig nur über sehr begrenzte Mittel verfügt, um diese Probleme zu bewältigen. […] Bei großen Katastrophen leiden Länder mit stabilen und entwickelten Volkswirtschaften wesentlich weniger unter den Folgen. Es bringt also nichts, bei Worten und bei der Sorge darüber stehen zu bleiben, dass man mehr tun möchte. Wir müssen handeln und den Blick stärker nach unten richten.

Audio (Portugiesisch)